Verapamil

Verapamil

Strukturformel
Verapamil Strukturformeln der beiden Enantiomeren
1:1-Gemisch aus (R)-Form (oben) und (S)-Form (unten)
Allgemeines
Freiname Verapamil
Andere Namen
  • (RS)-2-Isopropyl-2,8- bis(3,4-dimethoxyphenyl)- 6-methyl-6-azaoctannitril
  • (±)-2-Isopropyl-2,8- bis(3,4-dimethoxyphenyl)- 6-methyl-6-azaoctannitril
  • rac-2-Isopropyl-2,8- bis(3,4-dimethoxyphenyl)- 6-methyl-6-azaoctannitril
  • DL-2-Isopropyl-2,8- bis(3,4-dimethoxyphenyl)- 6-methyl-6-azaoctannitril
  • (±)-Verapamil
  • (RS)-Verapamil
  • Latein: Verapamilum
Summenformel C27H38N2O4(Verapamil)
CAS-Nummer
PubChem 2520
ATC-Code

C08DA01

DrugBank DB00661
Kurzbeschreibung

hellgelbes, viskoses Öl [1]

Arzneistoffangaben
Wirkstoffklasse

Calciumantagonisten

Verschreibungspflichtig: ja
Eigenschaften
Molare Masse 454,60 g·mol−1(Verapamil)
Schmelzpunkt

138,5−140,5 °C (Verapamil·Hydrochlorid, Zersetzung) [2]

Siedepunkt

243–246 °C (1,33 Pa) [1]

pKs-Wert

8,6 (Verapamil·Hydrochlorid) [2]

Löslichkeit

Verapamil: unlöslich in Wasser (4,47 mg·l−1 bei 25 °C), löslich in Benzol, Diethylether, sehr leicht löslich in niederen Alkoholen, Aceton und Chloroform [1]

Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [3]

(±)-Verapamil-Hydrochlorid

06 – Giftig oder sehr giftig

Gefahr

H- und P-Sätze H: 301-311-331
P: 261-​280-​301+310-​311 [3]
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [4][3]

T
Giftig
(±)-Verapamil·Hydrochlorid
R- und S-Sätze R: 23/24/25
S: 36/37-45
LD50

163 mg·kg−1 (Ratte p.o.) [1]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
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Verapamil, genauer Verapamilhydrochlorid, ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Calciumantagonisten oder Calciumkanalblocker, der gefäßerweiternd und im AV-Knoten des Herzens leitungsverzögernd wirkt. Verapamil gehört zur Klasse IV der Vaughan/Williams-Klassifikation der Antiarrhythmika und zählt zu den Phenylalkylaminen. Es wird eingesetzt zur Behandlung:

  • der koronaren Herzkrankheit,
  • von Störungen der Herzschlagfolge (Arrhythmie) und
  • des Bluthochdrucks
  • von Cluster-Kopfschmerz[5]
  • der hypertrophen Kardiomyopathie mit dynamischer Obstruktion (HOCM).

Anwendung

Bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit wird Verapamil bei chronisch stabiler Angina Pectoris, bei instabiler Angina Pectoris und insbesondere bei vasospastischer Angina Pectoris (Prinzmetal-Angina) eingesetzt, bei Patienten nach einem Herzinfarkt nur, wenn keine Herzinsuffizienz besteht und Betablocker nicht indiziert sind.

Als Antiarrhythmikum zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen kann Verapamil vorbeugend gegen paroxysmale supraventrikuläre Tachykardien und zur Verlangsamung der Pulsfrequenz bei Vorhofflimmern und Vorhofflattern mit erhöhter Kammerfrequenz verordnet werden.

Seltener wird Verapamil ausschließlich zur Senkung des Blutdrucks bei arterieller Hypertonie verwendet.

Gegenanzeigen und Warnhinweise

Verapamil darf nicht angewandt werden bei Schock, akutem Herzinfarkt mit Komplikationen wie Bradykardie, Hypotonie oder Linksherzinsuffizienz, ausgeprägten Erregungsleitungsstörungen wie SA- oder AV-Block II. und III. Grades, Sinusknotensyndrom, manifester Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern oder Vorhofflattern bei Patienten mit einem WPW-Syndrom und bei bekannter Überempfindlichkeit gegenüber Verapamil sowie in den ersten sechs Monaten der Schwangerschaft. Betablocker (zb. Bisoprolol) sind bei Einnahme von Verapamil kontraindiziert, da dies einen AV-Block verursachen kann.

Eine sorgfältige Überwachung ist bei AV-Block I. Grades, Hypotonie (systolisch < 90 mmHg), Bradykardie (Puls < 50 Schläge pro Minute), stark eingeschränkter Leberfunktion, Myasthenia gravis, Lambert-Eaton-Syndrom und fortgeschrittener Duchenne-Muskeldystrophie erforderlich.

Im letzten Drittel der Schwangerschaft darf Verapamil nur unter strenger Abwägung von Nutzen und Risiko eingesetzt werden. Da es in die Muttermilch übergeht, sollte es auch in der Stillzeit nicht eingenommen werden.

Grapefruit kann den Blutplasmaspiegel von Verapamil durch Hemmung des First-Pass-Effektes erhöhen. Harntreibende Arzneimittel (Wassertabletten, Diuretika) verstärken den blutdrucksenkenden Effekt. Bei gleichzeitiger Anwendung von Verapamil und Simvastatin in höheren Dosen ist das Risiko einer Myopathie/Rhabdomyolyse erhöht und die Simvastatindosis sollte entsprechend angepasst werden. Die intravenöse Applikation von Isoptin darf bei Patienten mit gleichzeitiger Betarezeptorenblockertherapie nicht erfolgen (Ausnahme Intensivmedizin).[6] Bei gleichzeitiger Einnahme von Loperamid (Mittel gegen Durchfall) und Verapamil können Anzeichen für eine Atemdepression ausgelöst werden.[7] Bei Rauchern wurden gegenüber Nichtrauchern um ca. 25 % reduzierte Verapamil Blutplasmawerte festgestellt.[8]

Chemie und Pharmazie

Stereoisomerie

Verapamil ist chiral, enthält also ein Stereozentrum. Es gibt somit zwei Enantiomere, die (R)-Form und die (S)-Form. Die Handelspräparate enthalten den Arzneistoff als Racemat (1:1-Gemisch der Enantiomere).

Herstellung

Eine mehrstufige Synthese für Verapamil, ausgehend von (3,4-Dimethoxyphenyl)acetonitril und 2-Chlorpropan, ist in der Literatur beschrieben.[9]

Trivia

Seit 1983 wird Verapamil in der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation geführt.

Handelsnamen

Monopräparate

Falicard (D), Flamon (CH), Isoptin (D, A, CH), Veragamma (D), Vera-Lich (D), Veramex (D), Veranorm (D), Verapabene (A), Verasal (D), Veroptinstada (D, A), diverse Generika (D)

Kombinationspräparate

Captocomp (A), Convit (A), Cordichin (D), Isoptin RR (D), Tarka (D, CH), Veracapt (A) [10][11][12]

  • Anmerkung: Isoptin RR ist in Österreich als Monopräparat im Handel.

Weblinks

  • Arzneimittel-Kompendium der Schweiz: Verapamil-Präparate
  • CK-Wissen: Verapamil zur vorbeugenden Behandlung von Cluster-Kopfschmerz

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Thieme Chemistry (Hrsg.): RÖMPP Online - Version 3.1. Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart 2008.
  2. 2,0 2,1 The Merck Index. An Encyclopaedia of Chemicals, Drugs and Biologicals. 14. Auflage, 2006, S. 1710, ISBN 978-0-911910-00-1.
  3. 3,0 3,1 3,2 Datenblatt (±)-Verapamil hydrochloride bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 25. April 2011.
  4. Seit 1. Dezember 2012 ist für Stoffe ausschließlich die GHS-Gefahrstoffkennzeichnung zulässig. Bis zum 1. Juni 2015 dürfen noch die R-Sätze dieses Stoffes für die Einstufung von Zubereitungen herangezogen werden, anschließend ist die EU-Gefahrstoffkennzeichnung von rein historischem Interesse.
  5. Hans-Christoph Diener (Herausgeber): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen. S. 567-572. Herausgegeben von der Kommission „Leitlinien“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Georg Thieme Verlag, 4. überarb. Auflage 2008; ISBN 3-13-132414-7 Online-Version der DGN
  6. Gebrauchsinformation Isoptin®, Abbott 10/2006.
  7. Fachinformation Loperamid-CT 2mg Hartkapseln, Stand Oktober 2008. (Online-RTF)
  8. Fuhr U, Müller-Peltzer H, Kern R, et al.: Effects of grapefruit juice and smoking on verapamil concentrations in steady state. In: Eur. J. Clin. Pharmacol.. 58, Nr. 1, April 2002, S. 45–53. doi:10.1007/s00228-002-0436-7. PMID 11956673.(Free full text)
  9. Axel Kleemann, Jürgen Engel, Bernd Kutscher und Dietmar Reichert: Pharmaceutical Substances, 4. Auflage (2000), 2 Bände erschienen im Thieme-Verlag Stuttgart, ISBN 978-1-58890-031-9; seit 2003 online mit halbjährlichen Ergänzungen und Aktualisierungen.
  10. Rote Liste Online, Stand: August 2009
  11. Arzneimittelkompendium der Schweiz, Stand: August 2009
  12. AGES-PharmMed, Stand: August 2009
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