Polyelektrolyte

(Weitergeleitet von Polyelektrolyt)

Polyelektrolyte sind wasserlösliche Verbindungen mit großer Kettenlänge (Polymere), die anionische (Polysäuren) oder kationische (Polybasen) dissoziierbare Gruppen tragen.

Die wichtigsten Vertreter der anionischen Polyelektrolyte (Polyanionen) sind:

Zu den kationischen Polyelektrolyten werden gezählt:

Man kann zwischen starken Polyelektrolyten, die eine permanente, vom pH-Wert der Lösung unabhängige Ladung tragen, und schwachen Polyelektrolyten, deren Dissoziationsgrad vom pH-Wert der Lösung abhängt, unterscheiden. Beispiele für starke Polyelektrolyte sind Natrium-Polystyrolsulfonat (anionisch) oder Poly-Diallyldimethyl-ammoniumchlorid (kationisch), Vertreter der schwachen Polyelektrolyte sind Polyacrylsäure (sauer) oder Polyethylenimin (basisch). Die Eigenschaften einer Polyelektrolytlösung werden größtenteils von den abstoßenden Wechselwirkungen der gleichgeladenen Gruppen an der Polymerkette bestimmt.

Ein typisches Beispiel hierfür ist das Viskositätsverhalten von salzfreien Polyelektrolytlösungen. Während die Viskosität neutraler Polymerlösungen mit zunehmender Verdünnung linear abfällt, zeigen Polyelektrolytlösungen einen Anstieg der Viskosität. Man erklärt dies mit einer zunehmenden Versteifung des Polymeren durch die Abstoßung der gleichgeladenen Gruppen, da bei fallender Konzentration die Ionenstärke der Lösung abnimmt und damit die Ladungen schlechter abgeschirmt werden. Dieser Effekt ist als Polyelektrolyteffekt bekannt. Die Ladungsintensität von Polyelektrolyten lässt sich durch Titration (Polyelektrolyttitration) exakt bestimmen. Die Viskosität als makroskopisch zugängliche Eigenschaft von Polymerlösungen wird also bestimmt durch die Konformation der gelösten Polyelektrolytmoleküle. Stark geladene Polyelektrolyte strecken sich in der Lösung aus wohingegen Polyelektrolyte mit verminderter Ladung oder abgeschirmten Ladungen zum Verknäulen neigen. Dieses Verknäulen kann bei schwachen Polyelektrolyten durch den pH-Wert und die Salzkonzentration und bei starken Polyelektrolyten ausschließlich durch die Salzkonzentration kontrolliert werden. Eine wichtige Anwendung dieser Eigenschaften ist die Polyelektrolytadsorption auf Feststoffoberflächen, wie sie z. B. beim Layer-by-layer Verfahren zum Einsatz kommt. Gelöste Polyelektrolyte können auf entgegengesetzt geladenen Oberflächen adsorbieren. Die Adsorption wird unter anderem getrieben durch die elektrostatische Anziehung zwischen den geladenen Monomereinheiten und entgegengesetzt geladenen dissoziierten Oberflächengruppen (z. B. SiO- Gruppen auf Siliziumdioxidoberflächen). Aber auch die Freisetzung von Gegenionen oder die Ausbildung von Wasserstoffbrückenbindungen ermöglichen die Adsorption. Die Konformation des Polyelektrolyten im gelösten Zustand bestimmt die adsorbierte Stoffmenge. Gestreckte Polyelektrolytmoleküle adsorbieren als dünne Filme (0,2–1 nm) auf der Oberfläche wohingegen geknäulte Polyelektrolytmoleküle dickere Schichten ausbilden (1–8 nm).[1][2]

Ein zu den Biopolymeren gehörender, starker Polyelektrolyt ist auch das DNA-Molekül.

Polyelektrolyte unterscheiden sich, neben ihrer Ladungsaktivität, vor allem hinsichtlich ihrer Molaren Masse. Niedermolekulare Polyelektrolyte haben eine Molare Masse bis zu 100.000 g·mol-1, hochmolekulare Polyelektrolyte bis über 10 Millionen. Bei einem theoretischen C-C-Abstand in der Molekülkette von 1,53 Ångström kann die Molekülkette eine Länge von über 15 µm erreichen. Niedermolekulare Polyelektrolyte werden vor allem als Dispergiermittel verwendet, hochmolekulare Polyelektrolyte als Flockungshilfsmittel. In Abhängigkeit von der Molare Masse steigt die Viskosität der Polyelektrolyt-Lösungen. Niedermolekulare Lösungen sind wässrig bis leicht viskos, hochmolekulare Lösungen bereits in einer Konzentration von 0,1 % extrem viskos.

Hochmolekulare Polyelektrolyte lassen sich wegen der extremen Viskosität nicht als wässrige Lösungen herstellen, sondern nur durch „Blockpolymerisation“, wobei als Endprodukte Pulver entstehen, oder durch Emulsionspolymerisation mit flüssigen Emulsionen als Endprodukte.

Literatur

  • Römpp Lexikon Chemie
  • K. Weissermel, H.-J. Arpe: Industrielle organische Chemie. 2. Auflage. Verlag Chemie, Weinheim 1978, ISBN 3-527-25756-X.
  • H. Dautzenberg: Polyelectrolytes: formation, characterization and application. Hanser/Gardner, München etc. 1994, ISBN

3-446-17127-4.

Einzelnachweise

  1. Stability of Aqueous Al203 Suspensions with PMAA Polyelectrolyte, J. Am. Ceram. Soc., 1988, 71 (4), 250–55.
  2. pH-Dependent Thickness Behavior of Sequentially Adsorbed Layers of Weak Polyelectrolytes, Macromolecules, 2000, 33 (11), 4213–4219; doi:10.1021/ma991645q.

Diese Artikel könnten dir auch gefallen

Die letzten News aus den Naturwissenschaften

01.04.2021
Teilchenphysik
Myon g-2: Kleines Teilchen mit großer Wirkung
Das Myon g-2-Experiment des Fermilab in den USA steht vor einem Sensationsmoment, der die Geschichte der Teilchenphysik neu schreiben könnte.
01.04.2021
Planeten - Elektrodynamik - Strömungsmechanik
Zwei merkwürdige Planeten
Uranus und Neptun habe beide ein völlig schiefes Magnetfeld.
30.03.2021
Kometen_und_Asteroiden
Der erste interstellare Komet könnte der ursprünglichste sein, der je gefunden wurde
Neue Beobachtungen mit dem Very Large Telescope (VLT) der Europäischen Südsternwarte (ESO) deuten darauf hin, dass der abtrünnige Komet 2I/Borisov einer der ursprünglichsten ist, die je beobachtet wurden.
25.04.2021
Raumfahrt - Astrophysik - Teilchenphysik
Erstmals Atominterferometer im Weltraum demonstriert
Atominterferometer erlauben hochpräzise Messungen, indem sie den Wellencharakter von Atomen nutzen.
25.03.2021
Quantenoptik
Sendungsverfolgung für eine Quantenpost
Quantenkommunikation ist abhörsicher, aber bislang nicht besonders effizient.
24.03.2021
Schwarze_Löcher - Elektrodynamik
Astronomen bilden Magnetfelder am Rand des Schwarzen Lochs von M 87 ab
Ein neuer Blick auf das massereiche Objekt im Zentrum der Galaxie M 87 zeigt das Erscheinungsbild in polarisierter Radiostrahlung.
24.03.2021
Astrophysik
Die frühesten Strukturen des Universums
Das extrem junge Universum kann nicht direkt beobachtet werden, lässt sich aber mithilfe mathematischer Theorien rekonstruieren.
23.03.2021
Supernovae - Teilchenphysik
Können Sternhaufen Teilchen höher beschleunigen als Supernovae?
Ein internationales Forschungsteam hat zum ersten Mal gezeigt, dass hochenergetische kosmische Strahlung in der Umgebung massereicher Sterne erzeugt wird. Neue Hinweise gefunden, wie kosmische Strahlung entsteht.
23.03.2021
Teilchenphysik
Neue Resultate stellen physikalische Gesetze in Frage
Forschende der UZH und des CERN haben neue verblüffende Ergebnisse veröffentlicht.
19.03.2021
Festkörperphysik - Teilchenphysik
Elektronen eingegipst
Eine scheinbar einfache Wechselwirkung zwischen Elektronen kann in einem extremen Vielteilchenproblem zu verblüffenden Korrelationen führen.