Menschenfett

Zwei Apothekengefäße mit Beschriftung „AXUNG. HOMINIS“ für Menschenfett[1]
Humanol Steril der Turm-Apotheke Leipzig, vermutlich frühes 20. Jh.[1]
Reagenzglas mit Inhalt und Aufschrift „Adeps Humani“[2]

Menschenfett ist ein seit dem 16. Jahrhundert in europäischen Arzneibüchern erwähnter, wichtiger Bestandteil als hochwertig erachteter Salben und anderer fetthaltiger Arzneiformen. In den alten Rezepturen wird das menschliche Fett lateinisch als Pinguedo hominis oder Axungia hominis bezeichnet, wo es neben anderen tierischen Fetten von Bären (Axung. ursi), Vipern (Axung. viperarum), Bibern (Axung. castoris), Katzen (Axung. Cati sylvestris) und vielen anderen aufgeführt wird[3]. Johann Agricola (1496–1570) beschreibt die Gewinnung von Menschenfett und seine Anwendungsgebiete.

Mit heilmagischer Bedeutung wurde es als sogenanntes „Armsünderfett“ oder „Armsünderschmalz“ in der Volksmedizin bis in das 19. Jahrhundert von Scharfrichtern aus den Körpern von Hingerichteten hergestellt und verkauft.[4] Wie vielen anderen Teilen von Hingerichteten wurde auch ihrem Fett eine besondere Wirkkraft zugesprochen, was sich aus einem heidnischen Opferglauben heraus entwickelte. Für die Henker war der Verkauf von Menschenfett eine wichtige Einnahmequelle[5]. Armsünderfett wurde zur Herstellung von verschiedenen Salben gegen Knochenschmerzen, Zahnschmerzen und Gicht verwendet. Es galt auch als Allheilmittel insbesondere bei Erkrankungen, die mit einer Kachexie verbunden waren (beispielsweise Tuberkulose)[6]. Auch eine schmerzlindernde Wirkung bei Rheuma und Arthritis wurde dem Menschenfett zugesprochen[7].

Seit dem späten 19. Jahrhundert wurde Menschenfett unter dem Handelsnamen Humanol („ausgelassenes Menschenfett“) in steriler, verflüssigter Zubereitung für Injektionszwecke angeboten und 1909 in die chirurgische Therapie bei Narbenbehandlung, Wundrevisionen und Wunddesinfektionen eingeführt. Geringe Heilungserfolge und das Auftreten von Fettembolien ließ die Anwendung in den 1920er-Jahren wieder aus der Mode kommen[8]. Zur äußeren Anwendung enthielten vorgebliche Faltencremes verschiedener Hersteller (Placentubex C von Merz Pharma) noch bis in die 1960er Jahre menschliches Fett aus Plazenten, die von Hebammen und geburtshilflichen Abteilungen für industrielle Zwecke gesammelt wurden. Die Verwendung menschlicher Plazenten wurde zugunsten tierischer Produkte beendet. In Peru wurde 2009 eine als Pishtacos bezeichnete Bande bezichtigt, Menschenfett hergestellt und vertrieben zu haben; der Fall stellte sich als freie Erfindung der Ermittler heraus[9].

Siehe auch

  • Cranium humanum
  • Mumia
  • Totenhand

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Aus dem Bestand des Deutschen Apothekenmuseums Heidelberg.
  2. Aus dem Bestand des Museum für Hamburgische Geschichte, Hamburg.
  3.  Ferdinand Giese: Chemie der Pflanzen- und Thierkörper in pharmazeutischer Rücksicht. Hartmann, Leipzig 1811, S. 337 (PDF, 199 MB, abgerufen am 15. Oktober 2012).
  4.  Christiane Wagner, Jutta Failing: Vielmals auf den Kopf gehacket …: Galgen und Scharfrichter in Hessen. Nidderau 2008, ISBN 978-3-940168-17-7.
  5. Menschenfett war früher ein begehrter Rohstoff. In: Die Welt. 20. November 2009, abgerufen am 15. Oktober 2012.
  6.  Adolf Wuttke, Detlef Weigt (Hrsg.): Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. Superbia, Leipzig 2006, ISBN 978-3-937-55419-8 (Nachdruck der Erstausgabe, Hamburg 1860 bei Agentur des Rauhen Hauses in Hamburg, PDF, 80 MB Abgerufen am 15. Oktober 2012).
  7.  Philip Bethge: Die Heilkraft des Todes. In: Der Spiegel. Nr. 5, 26. Januar 2009, ISSN 0038-7452, S. 110 (PDF, 182 KB, abgerufen am 15. Oktober 2012).
  8.  H. Koch: Fettembolie durch Humanolinfektion. In: Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. Nr. 186, 1924, S. 273–278 (Titelblatt).
  9. Die Legende vom Menschenfett. In: TAZ, Jg. 32 (2009) vom 2. Dezember 2009, ISSN 0931-9085
    Menschenfett-Verkauf war eine Ente. In: Mitteldeutsche Zeitung vom 2. Dezember 2009.

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