Diwasserstoff-Kation
Das Wasserstoff-Molekülion, Diwasserstoff-Kation, oder H2+, ist das einfachste Molekülion. Es besteht aus zwei positiv geladenen Protonen und einem negativ geladenen Elektron und kann durch Ionisierung des neutralen Wasserstoff-Moleküls gebildet werden.
Es ist von großem historischem und theoretischem Interesse, da es nur ein Elektron enthält und deshalb keine Elektron-Elektron-Wechselwirkungen auftreten. Daher lässt sich die elektronische Schrödinger-Gleichung für dieses System bei festgehaltenem Kernabstand (sog. Born-Oppenheimer-Näherung) in geschlossener Weise analytisch lösen. Die analytischen Lösungen für die Energie-Eigenwerte[1] stellen eine Verallgemeinerung der lambertschen W-Funktion dar.
Wegen seiner Bedeutung als einfachstes molekulares System wird das Wasserstoff-Molekülion in den meisten Lehrbüchern der Quantenchemie als Beispiel behandelt. Die erste erfolgreiche quantenmechanische Behandlung des H2+ wurde vom dänischen Physiker Øyvind Burrau im Jahr 1927 veröffentlicht,[2][3]gerade ein Jahr nach der Veröffentlichung der grundlegenden Arbeit zur Wellenmechanik durch Erwin Schrödinger. Frühere Versuche waren im Jahr 1922 durch Karel Niessen[4] und Wolfgang Pauli,[5] und im Jahr 1925 durch Harold Urey[6] veröffentlicht worden. Mit einem Übersichtsartikel aus dem Jahr 1928 machte Linus Pauling sowohl die Arbeit von Burrau als auch die von Walter Heitler und Fritz London über das Wasserstoffmolekül einem größeren Leserkreis bekannt.[7]
Die chemische Bindung in H2+ kann als kovalente Ein-Elektron-Bindung beschrieben werden, die eine formale Bindungsordnung von 1/2 hat.[8]
Das Wasserstoff-Molekülion wird gewöhnlich auch in Molekülwolken im Weltall gebildet und ist von großer Bedeutung für die Chemie im interstellaren Medium.
Quantenmechanische Behandlung, Symmetrien und Asymptotik
Die einfachste elektronische Schrödinger-Gleichung für das Wasserstoff-Molekülion berücksichtigt neben dem einen Elektron die beiden Kerne, gekennzeichnet mit A und B, an festen Positionen im Raum. Sie kann geschrieben werden als
wobei
ist, und
Der Mittelpunkt zwischen den Positionen der Kerne kann als Ursprung der Koordinaten gewählt werden. Aus allgemeinen Symmetrieprinzipien folgt, dass die Zustandsfunktionen nach ihrem Symmetrieverhalten bezüglich Rauminversion (r
,
die "symmetrisch" bezüglich Rauminversion sind, und Zustandsfunktionen
,
die unter dieser Symmetrieoperation anti-symmetrisch sind:
Wir merken an, dass die Permutation (der Austausch) der Kerne die gleiche Wirkung auf die elektronischen Zustandsfunktionen hat. Für ein Mehrelektronensystem muss, zusätzlich zu diesen gerade benannten Symmetrien, auch das richtige Symmetrieverhalten der Zustandsfunktion
Der Grundzustand (der energetisch niedrigste diskrete Zustand) des
Für große Kern-Kern-Abstände haben die (totalen) Energie-Eigenwerte
Die tatsächliche Differenz zwischen diesen beiden Energien wird Austauschenergieaufspaltung genannt und ist gegeben durch[11]:
Dieser Ausdruck verschwindet exponentiell mit Zunahme des
Kern-Kern-Abstandes. Der führende Term
Die Energien für die niedrigsten diskreten Zustände sind in der obigen Abbildung gezeigt. Die Werte können mit jeder gewünschten Genauigkeit unter Verwendung eines Computeralgebraprogramms aus der „verallgemeinerten“ lambertschen W-Funktion erhalten werden (siehe Gl.
Bildung
Das Wasserstoff-Molekülion wird in der Natur durch die Wirkung kosmischer Strahlung auf Wasserstoffmoleküle gebildet. Ein Elektron wird dabei herausgeschlagen und lässt das Kation zurück.[13]
Die Teilchen der kosmischen Strahlung besitzen genügend Energie, um viele Moleküle zu ionisieren, bevor sie selbst abgestoppt werden.
Der maximale Wirkungsquerschnitt beträgt für sehr schnelle Protonen (70 keV) 2,5 × 10−16 cm2.
In der Natur reagiert das Ion weiter mit anderen Wasserstoffmolekülen:
Eigenschaften
Die Ionisierungsenergie des Wasserstoffmoleküls beträgt 15,603 eV, die Dissoziationsenergie 1,8 eV.
Einzelnachweise
- ↑ T. C. Scott, M. Aubert-Frécon, J. Grotendorst: New Approach for the Electronic Energies of the Hydrogen Molecular Ion. Im: Chem. Phys. 324, 2006, S. 323–338, doi:10.1016/j.chemphys.2005.10.031, arXiv:physics/0607081.
- ↑ Ø. Burrau: Berechnung des Energiewertes des Wasserstoffmolekel-Ions (H2+) im Normalzustand. In: Danske Vidensk. Selskab. Math.-fys. Meddel.. M 7:14, 1927, S. 1-18.
- ↑ Burrau Ø. The calculation of the Energy value of Hydrogen molecule ions (H2+) in their normal position. (PDF) In: Naturwissenschaften. 15, Nr. 1, 1927, S. 16-7.
- ↑ Karel F. Niessen Zur Quantentheorie des Wasserstoffmolekülions, Dissertation, Universität Utrecht, Utrecht: I. van Druten (1922), zitiert in J. Mehra, Volume 5, Part 2, 2001, p. 932.
- ↑ W. Pauli: Über das Modell des Wasserstoffmolekülions. In: Ann. d. Phys.. 373, Nr. 11, 1922, S. 177–240. doi:10.1002/andp.19223731101. erweiterte Dissertation; eingegangen 4 März 1922, veröffentlicht im Heft Nr. 11 vom 3. August 1922.
- ↑ Urey HC: The Structure of the Hydrogen Molecule Ion. In: Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A.. 11, Nr. 10, Oktober 1925, S. 618–21. doi:10.1073/pnas.11.10.618. PMID 16587051. Volltext bei PMC: 1086173.
- ↑ L. Pauling: The Application of the Quantum Mechanics to the Structure of the Hydrogen Molecule and Hydrogen Molecule-Ion and to Related Problems. In: Chemical Reviews. 5, 1928, S. 173–213. doi:10.1021/cr60018a003.
- ↑ Clark R. Landis, Frank Weinhold: Valency and bonding: a natural bond orbital donor-acceptor perspective, S. 96–100, Cambridge, UK: Cambridge University Press 2005, ISBN 0-521-83128-8
- ↑ K.-P. Huber, Gerhard Herzberg: Molecular Spectra and Molecular Structure. IV. Constants of Diatomic Molecules. Van Nostrand Reinhold, New York 1979.
- ↑ Čížek J., Damburg R.J., Graffi S., Grecchi V., Harrel II E.M., Harris J.G., Nakai S., Paldus J., Propin R.Kh., Silverstone H.J. (1986). "1/R expansion for H2+: Calculation of exponentially small terms and asymptotics", Phys. Rev. A 33: 12-54. doi:10.1103/PhysRevA.33.12
- ↑ T. C. Scott, Alexander Dalgarno, J.D. Morgan III: Exchange Energy of H2+ Calculated from Polarization Perturbation Theory and the Holstein-Herring Method. In: Phys. Rev. Lett. 67, 1991, S. 1419–1422. doi:10.1103/PhysRevLett.67.1419
- ↑ G. Hadinger, M. Aubert-Frécon, G. Hadinger: The Killingbeck method for the one-electron two-centre problem. In: Journal of Physics B. 22, 1989, S. 697-712, doi:10.1088/0953-4075/22/5/003.
- ↑ E. Herbst: The Astrochemistry of H3+. In: Phil. Trans. R. Soc. Lond. A. 2000, 358, 1774, S. 2523-2534, doi:10.1098/rsta.2000.0665.