Horst Sackmann

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Horst Sackmann (* 3. Februar 1921[1] in Freiburg im Breisgau; † 2. November 1993 in Halle (Saale) war ein deutscher Chemiker und hatte eine Professur für Physikalische Chemie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Besonders bekannt wurde er durch Beiträge über Flüssigkristalle und deren Systematik. Er war von 1973 bis 1987 Vizepräsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.

Leben und Wirken

Leben

Horst Sackmann besuchte zunächst das Freiburger und danach das Offenburger Realgymnasium. Nach der Reifeprüfung 1939 studierte er Chemie in Halle (Saale) und Freiburg im Breisgau. Er war seit 1939 Mitglied der NSDAP.[2][3] 1941 wurde er zum Wehrdienst einberufen, konnte aber nach einer Verwundung in Russland sein Studium in Halle fortsetzen und im Februar 1945 abschließen. Seine Diplomarbeit betreute der Physikochemiker und Goetheforscher Karl Lothar Wolf, dem er zeitlebens verbunden blieb.[4]

Kurz vor Kriegsende wurde er erneut eingezogen und geriet in amerikanische Gefangenschaft, konnte aber bald nach Halle zurückkehren. Dort war die Leitung des Instituts für Physikalische Chemie Franz Sauerwald,[5] einem Metall- und Mischphasenforscher, übertragen worden, bei dem er Assistent und Doktorand wurde. 1947 heiratete er Traute Beyer, die er im Wolfschen Institut kennengelernt hatte, und 1950 wurde die Tochter Sybille geboren. Im selben Jahr promovierte er. 1954 folgten die Habilitation sowie die Berufung zum Dozenten und 1958 die Professur.

1963 wurde Horst Sackmann als Nachfolger von Franz Sauerwald zum Direktor des Physikalisch-Chemischen Instituts ernannt. Mit gleichen Pflichten, aber verminderten Rechten wurde er 1969 im Zuge einer Hochschulreform der DDR Leiter des entsprechenden Wissenschaftsbereichs der Sektion Chemie und blieb dies bis zu seiner Emeritierung 1986.[6]

Forschungstätigkeit

Während die Habilitationsschrift Horst Sackmanns und die ersten von ihm betreuten Diplomarbeiten anorganische Verbindungen mit annähernd kugelförmigen Molekülen und deren Mischungen betrafen, gab er als erstes Promotionsthema 1957 systematische Mischbarkeitsuntersuchungen an organischen Flüssigkristallen mit langgestreckter Molekülgestalt aus. Dies ging auf Anregungen seines ersten akademischen Lehrers Wolf zurück,[6] und es wurden an Arbeiten in der organischen Chemie, die bis zur Mitte der 1930er Jahre betrieben wurden, sowie in der Physik, die 1945 geendet hatten, wieder aufgegriffen.[7] Dabei ergab sich als Novum ein auswählendes Mischbarkeitsverhalten, das zu einer Systematik mit der bis heute verwendeten „ABC“-Buchstabenkennzeichnung für die smektischen kristallin-flüssigen Phasen führte.[7] Die zugehörige, in vielen weiteren Arbeiten verifizierte „Mischbarkeitsauswahlregel“ Horst Sackmanns kann man beispielsweise im Nachspann seines Films nachlesen, der die Mischbarkeitsuntersuchungen unter dem Heiztischmikroskop illustriert.

Im Zuge der Ausweitung und Vertiefung der physikochemischen Flüssigkristall-Forschungen entstand das, was dann international als The Hallesian School bezeichnet wurde.[8]. Dabei erwies sich die Kooperation mit Halleschen Synthesechemikern als sehr fruchtbar, wie beispielsweise eine Zwischenbilanz vom Ende der 1970er Jahre ausweist.[9] Insgesamt war Horst Sackmann an mehr als 150 Originalpublikationen, mehrheitlich die Flüssigkristalle betreffend, beteiligt.

Weitere Aktivitäten

Auch nach seiner Emeritierung nahm Horst Sackmann regen Anteil am universitären Leben. So war er im Zuge der Erneuerungsbestrebungen der Halleschen Universität (MLU) von 1991 bis 1993 Vorsitzender ihrer Personalkommission Naturwissenschaft/Landwirtschaft.[10] Den Hintergrund dafür bildete sein langjähriges Eintreten für freiheitliche Verhältnisse an der MLU, das deren Altrektor Gunnar Berg 2006 in einer Festrede[11] im Hinblick auf die Zeit ab 1950 so charakterisierte: „Nur noch wenige vertraten öffentlich die Ideale von Wissenschaftsfreiheit und Wahrheitssuche und waren der akademischen Jugend ein Vorbild, im naturwissenschaftlichen Bereich vor allem die Leopoldina-Mitglieder Kurt Mothes, Horst Sackmann und Heinz Bethge.“ Konflikte mit sen staatlichen System blieben dabei nicht aus.[12]

Horst Sackmann war von 1973 bis 1984 Vizepräsident der Leopoldina, während Kurt Mothes bis 1974 Präsident und Heinz Bethge dessen Nachfolger war. Dieser ältesten dauerhaft existierenden naturforschenden Akademie der Welt, die seit 2008 den Status einer deutschen Nationalen Akademie der Wissenschaften (AdW) hat, gehörte Horst Sackmann seit 1965 an. Auch war er seit 1974 korrespondierendes Mitglied der Österreichischen AdW und seit 1989 korrespondierendes Mitglied der AdW zu Göttingen.

Horst Sackmann war fast drei Jahrzehnte Mitglied des Organisationskomitees der im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindenden „International Liquid Crystal Conference“ sowie 1975 Mitbegründer der „Flüssigkristallkonferenz Sozialistischer Länder“ . Er gehörte zu den Herausgebergremien der Zeitschrift für Chemie und des internationalen Fachorgans Molecular Crystals and Liquid Crystals.

Auf der Basis langjähriger Kontakte zu Alfred Saupe[6] sowie neuer Aktivitäten ab 1990 trug Horst Sackmann wesentlich zur Bildung der Halleschen Max-Planck-Arbeitsgruppe „Flüssigkristalline Systeme“ bei, die unter Saupes Leitung von 1992 bis 1997 bestand. Zusammen mit den Gruppen in den wieder gebildeten und verbessert ausgestatteten Instituten für Physikalische und für Organische Chemie etablierte sich die stark vergrößerte Zahl von Arbeitsgruppen, die beispielsweise bei der Deutschen Flüssigkristall-Gesellschaft aufgelistet ist.[13] Damit werden die bedeutenden Halleschen Traditionen aus der Zeit vor 1945, die Horst Sackmann 1957 aufgegriffen und in die physikochemische Richtung ausgedehnt hat, erfolgreich fortgeführt.

Ehrungen

  • 1973: Nationalpreis der DDR für Wissenschaft und Technik
  • 1985: Ehrendoktorwürde der Friedrich-Schiller-Universität Jena
  • 1987: Verdienstmedaille der Leopoldina
  • 1991: Bunsen-Denkmünze der Bunsen-Gesellschaft für sein Gesamtwerk

Schriften

  • Über Volumenänderungen beim Schmelzen organischer Stoffe, insbesondere in homologen Reihen. Dissertation. Universität Halle 1950.
  • Physikalische Chemie. Fachbuchverlag, Leipzig 1953.
    Tschechische Übersetzung: Fysikální chemie. Státní Nakl. technické literatury, Prag 1957.
  • Beitrag zur Frage der Isomorphiebeziehungen zwischen Tetrahalogeniden der IV. Gruppe. Habilitationsschrift. Universität Halle 1959.
  • mit Heinrich Arnold: Umwandlungsvorgänge in einem binären System mit kristallin-flüssigen Phasen. Beiheft zum Hochschulfilm HF 163. DZI für Lehrmittel. Volk und Wissen, Berlin (Ost) 1961. (Video dazu)
  • mit Horst Kehlen u. Frank Kuschel: Grundlagen der Chemischen Kinetik. Akademie-Verl. Berlin (Ost) und Vieweg, Braunschweig 1974.
  • mit Horst Kehlen u. Werner Schulze: Atome und Moleküle. Teil 1: Atome. Akademie-Verl. Berlin (Ost) 1976.
  • mit Gerhard Geiseler (Hrsg.): Dynamische Strukturen in Chemie und Physikalischer Chemie. Leopoldina-Diskussionskreis 1983. In: Nova acta Leopoldina. N.F., Nr. 268, Bd. 61; Barth, Halle 1989.
  • Smectic Liquid Crystals. A Historical Review. In: Liquid Crystals. An International Journal. 5, 1989, S. 43–55 (Abstract).

Literatur

  • Horst Stegemeyer: Horst Sackmann zum 65. Geburtstag. In: Berichte Bunsenges. Physikal. Chemie. 90, 1986, S. 103–104.
  • Helmut Hartung, Horst Kresse: Prof. Dr. habil. Dr. h. c. Horst Sackmann, Forscher und Hochschullehrer von Rang. In: Scientia Halensis. 1, H. 4, 1993, S. 33.
  • Adolf Neckel: Horst Sackmann. In: Almanach Oesterr. Akad. Wiss. 194, 1993/1994, S. 355–362.
  • Gerhard Pelzl: Obituary: Prof. Dr. Dr. h. c. Horst Sackmann. In: Liquid Crystals. 16, 1994, S. 719f.
  • Benno Parthier: Horst Sackmanns Wirken in der Leopoldina. In: Jahrb. Dt. Akademie d. Naturforscher Leopoldina. 40, 1995, S. 409–412.
  • Heinrich Arnold: Atmosphärisches und Anekdotisches aus der Halleschen Physikochemie unter Horst Sackmann. 2010 (Information in der Digitalen Bibliothek Thüringen)
  • Michael Kaasch: Sackmann, Horst. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 2. Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.

Weblinks

Anmerkungen und Einzelnachweise

  1. In anderen Quellen ist das Geburtsjahr 1916 angegeben.
  2. Wörtlich bei Harry Waibel: Diener vieler Herren: Ehemalige NS-Funktionäre in der SBZ/DDR. Lang, Frankfurt am Main 2011 ISBN 978-3-631-63542-1 S. 279. Dazu dort keine weiteren Angaben und kein Beleg für eine Tätigkeit Sackmanns als NS-Funktionär. Die Angaben zu seiner Tätigkeit in der DDR sind korrekturbedürftig; beispielsweise war er nicht Leiter einer Sektion Chemie der Akademie der Wissenschaften.
  3. Laut Karteikarte im Bundesarchiv ruhte die NSDAP-Mitgliedschaft ab 1942, nachdem er zur Wehrmacht eingezogen worden war.
  4. Horst Sackmann: Zur Geschichte der Chemie in Halle. Postum veröffentlicht und redigiert von Helmut Hartung. In: Nachr. Chem. Tech. Lab. 42, 1994, S. 262–268 (Abstract).
  5. Horst Sackmann: Franz Sauerwald zum 70. Geburtstag. In: Zeitschrift für Chemie. 4. H. 6, 1964, S. 201–202.
  6. 6,0 6,1 6,2 Heinrich Arnold 2010 (s. Abschn. 4).
  7. 7,0 7,1 Crystals that Flow. Classic Papers from the History of Liquid Crystals. Compiled with translation and commentary by Timothy J. Sluckin, David A. Dunmur an Hort Stegemeyer. London 2004, ISBN 0-415-25789-1.
  8. Horst Stegemeyer: Professor Horst Sackmann, 1921–1993. In: Liquid Cryst. Today. 4, 1994, S. 1f.
  9. Horst Sackmann, Dietrich Demus: Die Arbeiten zum Problemkreis der flüssigen Kristalle an der Martin-Luther-Universität Halle.In: Wissenschaftliche Zeitschrift Univ. Halle-Wittenberg. 28, H. 5, 1979, S. 69–81.
  10. Steffen Reichert: Unter Kontrolle: Die Martin-Luther-Universität und das Ministerium für Staatssicherheit 1968-1989. Bd. 1: Darstellung. Bd. 2: Quellen, Personenregister etc. Mitteldeutscher Verl., Halle (Saale) 2007. ISBN 3-89812-380-4 und ISBN 978-3-89812-380-8.
  11. Gunnar Berg: Vivat, crescat, floreat in aeternum. Sechzig Jahre Nachkriegsuniversität Halle. In: Scientia Halensis. 1/2006, S. 14–15 (Gekürzte Fassung).
  12. Sybille Gerstengarbe, Horst Hennig: Opposition, Widerstand und Verfolgung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 1945–1961: Eine Dokumentation. Leipziger Universitäts-Verlag, Leipzig 2009, ISBN 978-3-86583-262-7.
  13. DFKG: Arbeitsgruppen

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