Stuttgart-Formation

Lithostratigrafie der Keuper-Gruppe im Germanischen Becken
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Schilfsandstein in der Ausbildung als sandig-tonige „Stillwasserfazies“, Detail eines Aufschlusses bei Gaildorf
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Schilfsandstein in „Flutfazies“, aufgelassener Steinbruch bei Markertshofen

Die Stuttgart-Formation (früher Schilfsandstein oder Schilfsandstein-Schichten) ist eine lithostratigraphische Formation des Keupers in der Germanischen Trias. Die lithostratigraphische Einheit wird von der Grabfeld-Formation und Benk-Formation unterlagert und von der Weser- und Steigerwald-Formation überlagert. Die Ablagerungen der Stuttgart-Formation weisen auf fluviatile und lakustrine Verhältnisse hin.

Geschichte

Der Name Schilfsandstein rührt von den Abdrücken fossiler Schachtelhalme und Farne im Gestein her, die früher irrtümlich als Schilfhalme angesprochen wurden. Der Begriff Schilfsandstein geht auf Eberhard Fraas zurück, der ihn im Jahre 1845 in die Literatur einführte. Der Name Stuttgart-Formation wurde von Gwinner (1980) vorgeschlagen und von der Subkommission Perm-Trias der Deutschen Stratigraphischen Kommission 1997 offiziell angenommen.

Definition

Die Untergrenze der Stuttgart-Formation ist in Norddeutschland die diskordante Fläche D2 des Keupers. Die Obergrenze ist unscharf und wird durch das Ende der siltig-sandigen Sedimentation und Einsetzen der Gipsführung definiert. In Süddeutschland wird die Obergrenze an der Basis des Hauptsteinmergel gezogen. Weiter nördlich wird die Obergrenze an die Basis des sog. Beaumont-Sulfats oder an die Basis der Kühl'schen Brekzie gelegt. Die Stuttgart-Formation ist überwiegend durch Sand- und Siltsteine charakterisiert. Untergeordnet kommen auch Ton- und Kalksteine vor. Die Mächtigkeit erreicht in Norddeutschland bis 100 m, durchschnittlich etwa 40 bis 60 m. In Süddeutschland variiert die Mächtigkeit von 40 m bis 10 m. Lateral wird sie wahrscheinlich vom Ansbacher Sandstein vertreten, dessen Status noch nicht geklärt bzw. definiert worden ist. Die Stuttgart-Formation wird in das Karnium (Julium = 2. regionale Unterstufe des Karnium) datiert. Die STD2002 veranschlagt für die Stuttgart-Formation eine absolute Dauer von 1,5 Millionen Jahren (226 bis 224,5 mya). Zwischen Stuttgart- und Grabfeld-Formation liegt damit eine Schichtlücke von 3 Millionen Jahren. Die Typlokalität der Stuttgart-Formation ist die Landeshauptstadt von Baden-Württemberg Stuttgart. Die Typusregion ist Baden-Württemberg.

Gliederung

Die Stuttgart-Formation enthält in etwa der Mitte eine Leitbank, die sich über größere Entfernungen verfolgen lässt, die „Gaildorfer Bank“. Eine Untergliederung in Subformationen ist (bisher) nicht möglich. In der Stuttgart-Formation lassen sich drei Kleinzyklen unterscheiden.

Ablagerungsraum

Die Sedimente der Stuttgart-Formation wurden in einem weiten flachen Becken abgelagert, in das sich zu Beginn einige Flussrinnen oft mehrere 10er Meter tief in die unterlagernde Grabfeld-Formation eingeschnitten haben. Die Täler wurden dann in einer zweiten Phase mit Sandsteinen verfüllt („Sandsteinstränge“). In einem weiteren Zyklus schnitten sich erneut Täler in den Untergrund ein und wurden erneut mit Sandsteinen verfüllt. In einem dritten Zyklus wurde nun das gesamte Gebiet flächig von Sand- und Siltsteinen überdeckt. In den Bereichen zwischen den Flüssen bildeten sich Überflutungsebenen mit Wurzelböden. Die Sand- und Siltsteine stammen vom Fennoskandischen Schild („Nordischer Keuper“).

Wirtschaftliche Bedeutung

Der leicht zu bearbeitende Schilfsandstein wurde in den vergangenen Jahrhunderten vielfach zum Bau von Häusern, Brücken, Kirchen und für Monumentalbauten wie Burgen oder Schlösser verwendet. Noch heute wird Schilfsandstein stellenweise abgebaut und als Baustoff für die Renovierung historischer Bauten verwendet.

Fossilien

Die Sandsteine enthalten häufig größere Pflanzenreste, v.a. Schachtelhalme (Equisetites). Auch Sporen und Pollen von Landpflanzen sind enthalten, die Hinweise auf klimatische Bedingungen geben. Relativ häufig sind Muschelkrebse (Ostracoden), Muscheln (Bivalvia) und Schnecken (Gastropoda). Die Wirbeltier-Fauna ist durch einige Fundstellen berühmt geworden.[1] In Steinbrüchen auf der Feuerbacher Heide (Stuttgart) fanden sich im 19. Jh. große Ansammlungen von Amphibien (Cyclotosaurus, Metoposaurus).[2] Bei Heilbronn (Steinbruch am Jägerhaus) wurden Schädelteile des Trematosauriers Hyperokynodon gesammelt.[3] Die zwei bis vier Meter langen Lurche lebten überwiegend in Flüssen und Deltabereichen. Auch im thüringischen Mittelhausen nahe Erfurt wurden Knochen von Metoposaurus, Gerrothorax und Cyclotosaurus gefunden. Reptilienfunde sind dagegen große Seltenheiten: bisher kennt man nur das rätselhafte Skelett des Krokodil-Verwandten Dyoplax (Stuttgart) und das Kieferbruchstück von „Zanclodon“ arenaceus, das einem Phytosaurier zugeschrieben wird.[4]

Einzelnachweise

  1. Schmidt, M. (1928): Die Lebewelt unserer Trias. 461 S.; Öhringen (Rau).
  2. Meyer, H.v. & Plieninger, T. (1844): Beiträge zur Paläontologie Württemberg’s, enthaltend die fossilen Wirbeltierreste aus den Triasgebilden mit besonderer Rücksicht auf die Labyrinthodonten des Keupers. 132 pp; Stuttgart (Schweizerbart)
  3. Schoch, R.R. & Milner, A.R. (2000): Stereospondyli. In: Wellnhofer, P. (ed.): Handbuch der Paläoherpetologie, vol. 3B, 203 S.; München (Pfeil)
  4. Hungerbühler, A. (2001): The status and phylogenetic relationships of "Zanclodon" arenaceus: the earliest known phytosaur? Paläontologische Zeitschrift, 75: 97-112.

Literatur

  • Gerhard Beutler: Lithostratigraphie. In: Deutsche Stratigraphische Kommission (Hrsg.): Stratigraphie von Deutschland IV - Keuper. Courier Forschungsinstitut Senckenberg, 253: 65-84, Stuttgart 2005 ISSN 0341-4116
  • Gerhard Beutler, Norbert Hauschke und Edgar Nitsch: Faziesentwicklung des Keupers im Germanischen Becken. In: Norbert Hauschke & Volker Wilde (Hrsg.): Trias - Eine ganze andere Welt Mitteleuropa im frühen Erdmittelalter. S.129-174, Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 1999 ISBN 3-931516-55-5
  • Edgar Nitsch: Der Keuper in der Stratigraphischen Tabelle von Deutschland 2002: Formationen und Folgen. Newsletters on Stratigraphy, 41(1-3): 159-171, Stuttgart 2005 ISSN 0078-0421

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